Beitrag einer Heilerziehungspflegerin aus Memmingen

„Zeig mir das Virus, wenn ich es nicht sehe, dann gibt es das auch nicht.“
„Ich lasse mir doch kein Gift spritzen.“
„Das ist alles gelogen, ich will meine Rechte wieder.“
„Das ist nicht meine Schuld, wenn jemand stirbt.“
„Die wollen uns alle zu Zombies machen.“

Ich habe es satt, ich habe es so satt. Ich höre mir das an und am nächsten Tag gehe ich wieder arbeiten. Ich gehe arbeiten und gebe mein Bestes für meine Betreuten, für die Meschen, die es nicht alleine durch die Krise schaffen, die es nicht eigenständig begreifen können.

Ich erkläre meiner 75-jährigen Klientin, weshalb wir dieses Mal wieder keine Weihnachtsfeier haben, obwohl sie keine Angehörigen mehr hat und das Weihnachtsfest alleine verbringen muss. Ich erkläre meinem schizophrenen Klienten, aus welchem Grund die anderen Menschen immer noch Abstand zu ihm halten und weswegen er seine Maske fast rund um die Uhr tragen muss. Ich muss auch erklären, dass ich nicht 24/7 ansprechbar bin, da ich mich auch um mein Privatleben kümmern möchte, auch wenn diejenigen alleine sind.
Ich berate meine Klientin hinsichtlich einer Covid19 Impfung, obwohl sie unfassbare Angstzustände hat.
Ich erkläre meiner depressiven Betreuten, dass es helfen würde, Kontakt zu anderen zu suchen, um auch freudige Momente erleben zu können.. und ja, dann merke ich, dass das ja gar nicht geht.

Wie kann ich denn in meiner Arbeit authentisch sein, wenn ich es selber nicht mehr verstehen kann. Wenn ich wütend bin über diejenigen, die egoistisch sind, die auf die Gesundheit und das Wohlbefinden Anderer keine Rücksicht nehmen. Ich bin wütend auf all die Menschen, die ihr eigenes Wohl über das Aller stellen. Wütend über die Verschwörungstheorien, den Schwachsinn, der mir entgegengebracht wird und die Sturheit. Wütend über die Ausnutzung meiner Arbeit. Ich bin wütend über all diejenigen, die sich damit zufrieden geben und nichts tun.

Ich bin wütend, ich bin müde, ich habe es satt.
Ich habe es auch satt, mich für meine Arbeit rechtfertigen zu müssen. Die Krise hat gezeigt, dass ich wichtig bin. Dass man mich braucht.

Ich spreche für alle Heilerziehungspfleger*innen, für alle Krankenpfleger*innen, für alle Ärzt*innen, alle Seniorenpfleger*innen, alle Erzieher*innen und alle Kinderpfleger*innen, alle Schulbegleiter*innen, für alle Sozial – und Straßenarbeiter*innen, alle Hilfskräfte und Assistent*innen in sozialen und gesundheitlichen Berufen, alle Heilpädagogen und Heilpädagoginnen, alle Therapeut*innen, alle Rettungssanitäter*innen, alle Arzthelfer*innen, für alle Hebammen und alle weiteren Berufe im Gesundheits- und Sozialwesen.

Es reicht, es ist genug. Wir alle stoßen immer noch täglich an unsere Grenzen, geben unser Bestes, stellen die Gesundheit anderer Menschen über unsere eigene.
Wir wurden beklatscht und bejubelt, doch Anerkennung ist nicht ausreichend. Dank und Applaus finanziert nicht unseren Unterhalt, Jubel stellt keine fairen Bedingungen sicher.
Beim Pflegebonus wurde gemausert, die Auszahlung dessen abgewogen und hinausgezögert. Es wurde selektiert, wem dieser zusteht und wem nicht. Lohnerhöhung? – Von wegen!
Seit Jahren werden die Arbeiter*innen in Gesundheits- und Sozialberufen unter den Augen der Gesellschaft unterbezahlt und ausgenutzt. Jeder weiß es, jeder schaut zu.
Seit Jahren ist im sozialen Bereich die psychische und physische Belastung hoch und die Löhne niedrig. Die Krise hat gezeigt, wer nicht ins Homeoffice und „solidarisch Zuhause bleiben“ kann. Wer seine Gesundheit hinten anstellt, um anderen Menschen zu helfen und diese zu Betreuen.
Es gibt zu wenig Arbeitskräfte, doch entgegengewirkt wird nicht.
Die Umstände im Gesundheitssystem sind katastrophal.
Doch was passiert? Nichts!

Lasst euch nicht spalten! Es geht um den gesamten sozialen Bereich. Es darf nicht mehr sein, dass die Gesundheitspfleger*innen alleine für bessere Löhne kämpfen müssen und drei Monate später Pädagog*innen allein auf der Straße stehen, um für bessere Arbeitsbedingungen zu demonstrieren. Alle sozialen Berufe müssen zusammenhalten und sich gegenseitig in Arbeitskämpfen unterstützen.
Lasst euch nicht spalten! Egal ob im Krankenhaus, im Kindergarten, im Seniorenheim, in einem Wohnheim für Menschen mit Behinderung oder in jeder anderen sozialen Einrichtung. Steht zusammen!
Das Problem ist der Kapitalismus. In diesem System, in dem Menschen in sozialen Berufen relevant sind, zählt Profit mehr, als der Mensch.

Wer mit seiner Arbeit Kapital produziert, ist wichtiger als diejenigen, die mit ihrer Arbeit nur Kosten für den Steuerzahler verursachen. Menschen, die Hilfe brauchen, bringen kein Geld ein. Wenn wir streiken und die Arbeit komplett niederlegen, sterben Menschen! Wenn man nichts erwirtschaftet, hat man dem System nichts entgegen zu setzen.
Daher gilt: Menschen über Profite!

Die sozialen Berufe sind in ihren Arbeitskämpfen auf die Solidarität der Bevölkerung angewiesen. Wir müssen unsere Leute unterstützen. Wir müssen gemeinsam mit ihnen auf die Straße gehen. Wir müssen für Die streiken, die nicht Streiken können.

Wir müssen uns dem Geschwurbel entgegenstellen, den Querdenkern kontern.
Wir müssen solidarisch sein. Diejenigen unterstützen, denen die Arbeit dermaßen schwer gemacht wird. Hören wir auf zu Klatschen. Hören wir auf mit den leeren Worten.
Geht auf die Straßen, seid laut, kämpft für bessere Löhne und bessere Arbeitsbedingungen.
So kann es nicht weiter gehen und so DARF es nicht weiter gehen!
Für alle sozialen Berufe, für unsere Betreuten, Klienten, Patienten, Bewohner, für ihre und unsere Gesundheit, für faire Bedingungen!